Diabetes mellitus in aller Munde
Kaum eine Krankheit taucht so oft in Gesprächen, Medien und Alltagssprüchen auf wie Diabetes. Fast jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Und trotzdem: Wirklich verstanden wird die Krankheit oft nicht. Besonders die großen Unterschiede zwischen Typ 1 und Typ 2 Diabetes gehen dabei schnell unter.
Viele wissen, dass Diabetiker erhöhte Blutzuckerwerte haben, das nennt man auch Hyperglykämie, und das stimmt. Leider wird Diabetes oft auch automatisch mit einem ungesunden Lebensstil oder einer zuckerreichen Ernährung in Verbindung gebracht. Doch zumindest bei Diabetes mellitus Typ 1 trifft das nicht zu. Und auch Diabetes mellitus Typ 2 ist deutlich komplexer, als ihn einfach auf eine „schlechte Ernährung“ zu reduzieren.
Süßer Urin – der Namensgeber der Krankheit
Doch zunächst ein kurzer Blick auf den Namen der Krankheit: „Diabetes mellitus“ ist ein Begriff griechisch-lateinischen Ursprungs und bedeutet sinngemäß „honigsüßer Harnfluss“. Der etwas ungewöhnliche Name stammt daher, dass bei unbehandeltem Diabetes Zucker im Urin vorkommen kann. Tatsächlich wurde dies früher sogar durch den süßlichen Geschmack des Urins festgestellt – eine Diagnosemethode, auf die man heute glücklicherweise verzichten kann.
Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunkrankheit
Wie schon erwähnt ist Typ 1 Diabetes keine Folge schlechter Ernährung. In den allermeisten Fällen handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Bei Menschen mit Typ 1 Diabetes greift das Immunsystem irrtümlich die insulinproduzierenden Betazellen in den sogenannten Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse an. Nach und nach werden diese Zellen zerstört, bis der Körper schließlich kaum noch oder gar kein eigenes Insulin mehr herstellen kann.

Warum ist das problematisch? Insulin ist ein Hormon, dass spezifische Rezeptoren auf der Zelloberfläche aktiviert. Das wiederum setzt eine Reihe von zellulären Prozessen in Gang, in dessen Verlauf Zuckertransporter an die Zelloberfläche gelangen und Zucker vom Blut in die Zelle transportieren. Die Zellen nutzen den Zucker als wichtige Energiequelle. Vereinfacht könnte man sagen: Insulin wirkt wie ein Schlüssel, die Rezeptoren an der Zelloberfläche sind das Schloss, das durch Insulin für den Zucker aufgeschlossen wird. Fehlt dieser Schlüssel, bleibt der Zucker im Blut, während die Zellen gleichzeitig unter Energiemangel leiden. Die Folge sind unter anderem dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte.
Da der Körper bei Typ 1 Diabetes kein ausreichendes Insulin mehr produzieren kann, muss das fehlende Hormon von außen zugeführt werden. Menschen mit Typ 1 Diabetes sind deshalb lebenslang auf externes Insulin angewiesen.
Zum Vergleich: Beim deutlich häufigeren Typ 2 Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse zunächst meist noch Insulin. Die Körperzellen reagieren jedoch zunehmend schlechter darauf – man nennt das eine Insulinresistenz. Erst im weiteren Verlauf nimmt häufig auch die Insulinproduktion ab. Deshalb unterscheiden sich Ursachen, Krankheitsverlauf und Behandlung der beiden Diabetesformen grundlegend.
Autoimmunkrankheit: auto- (griechisch autós) = „selbst“ , immun (lateinisch immunis) = „geschützt“.
Das Immunsystem ist eigentlich dafür verantwortlich, den Körper vor Krankheitserregern wie Bakterien, Viren und Pilzen zu schützen, indem es körperfremde Stoffe erkennt, Abwehrreaktionen erstellt und diese effektiv bekämpft.
Bei einer Autoimmunerkrankung erkennt das Immunsystem jedoch fälschlicherweise körpereigene Zellen als fremd und greift sie an. Dadurch können Gewebe und Organe geschädigt oder zerstört werden.
Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse zerstört. Weitere Beispiele sind die Multiple Sklerose, bei der das Immunsystem die schützenden Hüllen der Nervenzellen angreift, Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit Beteiligung von Autoimmunmechanismen, sowie die Zöliakie, bei der eine Immunreaktion auf Gluten die Dünndarmschleimhaut schädigt.
Typ 1 oder Typ 2? Nicht das Alter allein entscheidet
Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 kann grundsätzlich jeden treffen. Zwar tritt die Erkrankung häufig im Kindes- oder Jugendalter auf, sie kann aber auch erst im Erwachsenenalter erstmals festgestellt werden, manchmal sogar erst im höheren Lebensalter.
Im direkten Vergleich wird Diabetes Typ 2 tatsächlich häufiger später im Leben diagnostiziert. Genau deshalb haben sich früher die Begriffe „Jugenddiabetes“ für Typ 1 und „Altersdiabetes“ für Typ 2 eingebürgert. Diese Begriffe gelten heute jedoch als überholt. Die Einteilung greift schlicht zu kurz.
Denn das Alter allein gibt keine Sicherheit darüber, um welche Diabetesform es sich handelt. Studien zeigen, dass ein beträchtlicher Anteil, teils bis zu rund 40 %, der Typ 1 Diagnosen heute erst im Erwachsenenalter gestellt wird. Gleichzeitig steigt auch die Zahl jüngerer Menschen mit Typ 2 Diabetes zunehmend an. Gerade deshalb kann es problematisch sein, allein vom Alter auf den Diabetes Typ zu schließen. Fehldiagnosen und unpassende Behandlungen kommen dadurch immer wieder vor.
Die Diagnose Typ 1 Diabetes: Frühe Symptome und Risiken
Ein frühes Anzeichen für erhöhten Blutzucker ist starker Durst. Betroffene trinken deutlich mehr als gewöhnlich. Dadurch kommt es wiederum zu häufigem Wasserlassen. Der Körper versucht, den überschüssigen Zucker über den Urin auszuscheiden.
Da den Körperzellen gleichzeitig wichtige Energie fehlt, treten häufig Müdigkeit und Antriebslosigkeit auf. Auch ein unerklärlicher Gewichtsverlust kann vorkommen, obwohl eigentlich genug gegessen wird. Diese Kombination aus starkem Durst, häufigem Wasserlassen, Müdigkeit und Gewichtsverlust gehört zu den typischen frühen Warnsignalen eines Diabetes.

Wenn die erhöhten Blutzuckerwerte über längere Zeit bestehen bleiben, können zusätzlich Symptome wie Übelkeit, Schwindel oder allgemeines Unwohlsein auftreten.
Auch eine Ketoazidose kann auftreten. Das ist eine besonders ernstzunehmende Stoffwechselentgleisung. Wenn die Körperzellen aufgrund eines Insulinmangels nicht ausreichend Glukose als Energiequelle nutzen können, greifen sie auf alternative Energiereserven zurück. Dabei wird vor allem Fett abgebaut, wodurch sogenannte Ketonkörper entstehen.
Chemisch gesehen sind Ketone Verbindungen mit einer Carbonylgruppe (C=O), die zwischen zwei Kohlenstoffatomen liegt. Ketone werden in der Leber gebildet und dienen als Ersatzbrennstoff. Wenn sie sich jedoch im Blut anreichern, kommt es zu einer Veränderung des pH-Werts, das Blut wird zunehmend „sauer“. Diese Übersäuerung kann schwerwiegende Auswirkungen auf den gesamten Körper haben und im schlimmsten Fall zu einem diabetischen Koma führen. Besonders bei einem bisher unentdeckten Diabetes Typ 1, etwa bei Kindern, ist das Risiko für eine Ketoazidose erhöht.
Zum einen wird Insulin also zugeführt, um hohe Blutzuckerwerte zu vermeiden bzw. zu verringern. Längere Phasen mit erhöhtem Blutzucker haben negative Auswirkungen auf Gefäße und Nerven und kann zu Folgeerkrankungen führen (z.B. Herz-Kreislauf Erkrankungen oder Erkrankungen der Augen, Nieren und Nerven). Zum anderen sorgt das Insulin dafür, dass die Körperzellen den lebenswichtigen Zucker bekommen. Andernfalls würde der Diabetiker trotz Nahrungsaufnahme hungern und wäre dem Risiko einer Ketoazidose ausgesetzt.
Erste Symptome treten meist erst auf, wenn bereits ein Großteil (Studien besagen 80-95%) der insulinproduzierenden Betazellen beeinträchtigt ist und die körpereigene Insulinproduktion stark nachgelassen hat. Wird die Diagnose gestellt, sind Betroffene daher in der Regel dauerhaft auf Insulinzufuhr angewiesen.
Wenn es kurz leichter wird: Die Honeymoon-Phase
Was viele überrascht: Manchmal kommt es nach der Diagnose jedoch noch einmal zu einer teilweisen Verbesserung der Blutzuckerwerte. Diese Phase wird als „Honeymoon-Phase“ bezeichnet – angelehnt an den englischen Begriff für „Flitterwochen“. In dieser Zeit wird oft deutlich weniger Insulin benötigt, und die Einstellung des Blutzuckers gelingt leichter. Dies lässt sich unter anderem durch eine vorübergehend höhere Insulinsensitivität und eine kurzfristige Erholung der noch verbliebenen Betazellfunktion erklären.
Im Durchschnitt dauert die Honeymoon Phase etwa neun Monate, kann jedoch individuell stark variieren. In einigen Fällen hält sie nur wenige Wochen an, in anderen sogar mehrere Jahre.
Der Alltag des Typ 1 Diabetikers
Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 sind dauerhaft auf Insulin angewiesen. Eine einfache Umstellung der Ernährung oder mehr Sport reicht hier leider nicht aus. Der Körper kann das fehlende Insulin nicht selbst ersetzen.
Deswegen erfordert die Behandlung des Diabetes Typ 1 ein hohes Maß an Organisation und Disziplin. Ein ständiges Mitdenken im Hintergrund. Wie viele Kohlenhydrate stecken eigentlich in diesem Essen? Wie wirkt sich Sport heute auf den Blutzucker aus? Und warum läuft gerade bei Stress, Krankheit oder Hormonschwankungen plötzlich alles aus dem Ruder? All das beeinflusst den Blutzucker oft mehr, als man im ersten Moment denkt.
Die gute Nachricht: Moderne Technik hat vieles verändert. Statt jeden Wert mühsam mit einem Tropfen Blut zu messen, liefern kontinuierliche Glukosesensoren heute fast in Echtzeit Daten direkt aufs Smartphone. Und Insulinpumpen können sogar Teile der Insulinabgabe automatisch übernehmen.
Aber es bleibt ein Balanceakt. Technik hilft, nimmt aber nicht jede Entscheidung ab. Und nicht jeder hat Zugang zu den modernsten Systemen.
Typ-1-Diabetes ist also eine Krankheit, die ständiges Mitdenken und aktives Management erfordert. Wer versteht, wie all die großen und kleinen Stoffwechsel Prozesse sich auf den Blutzucker auswirken können, wie die Krankheit „tickt“ und welche Maßnahmen was bewirken, kann Alltagsentscheidungen besser lenken und erkennen, warum hinter einem scheinbar einfachen Blutzuckerwert oft viel mehr steckt, als man denkt.