Aktuell rollt eine Hitzewelle über Europa. Die Temperaturen klettern unangenehm hoch und erreichen in vielen Gegenden bis zu 40° C. Es wird geächzt, geschwitzt und gelitten. Die meisten Menschen empfinden diese Temperaturen als eine Zumutung.
Und für den Körper sind sie das auch. Für Diabetiker kann diese Zumutung in vielen Fällen noch größer ausfallen als für gesunde Menschen. Aber woran liegt das? Was passiert bei großer Hitze im Körper und wie unterscheiden sich diese Prozesse beim Diabetiker?
Das schauen wir uns hier mal genauer an.

Wie reguliert der Körper die Körpertemperatur?
Der Körper hat normalerweise eine Kerntemperatur von 37°C und ist bestrebt diese zu halten. Schon eine kleine Abweichung von 3°C kann lebensgefährlich werden. Betätigen wir uns sportlich oder steigt die Außentemperatur an, kümmert der Organismus sich also intensiv um das Ausbalancieren der Temperatur mit dem Ziel die ideale Körpertemperatur zu halten.
Dabei hat er auch schon bei Temperaturen um die 28 – 30°C gut zu tun. Obwohl die Außentemperatur dann immer noch geringer ist als die ideale Körper Kerntemperatur, muss er vermehrt Hitze loswerden. Das liegt an den vielen Stoffwechselprozesse im Körper, die ja auch noch Wärme produzieren. Eine angenehme Außentemperatur ist für uns Menschen daher im Bereich 23-25°C.
Wenn der Körper nun Wärme loswerden will, tut er das durch zwei Mechanismen, man kann sie den trockenen und den feuchten Mechanismus nennen.
- Der trockene Mechanismus konzentriert sich auf die Erweiterung der Blutgefäße, auch Vasodilatation genannt. Dadurch fließt mehr Blut an der Hautoberfläche. Die Haut wird dadurch wärmer und gibt diese Wärme nach außen ab.
- Der zweite Mechanismus ist altbekannt: Schwitzen. Durch eine vermehrte Schweißproduktion wird die Haut nass. Der Schweiß verdampft oder evaporiert und dieser Prozess kühlt.

Unterschiede der Temperaturregulation zwischen Diabetikern und Nicht-Diabetikern
Nun reagiert nicht jeder Körper gleich schnell oder gründlich auf sogenannten Hitzestress – also wenn entweder die Außentemperatur auf ein hohes Niveau steigt oder wir Sport treiben.
Die Mechanismen werden durch das autonome Nervensystem gesteuert und angestoßen, sobald ein bestimmter Schwellwert, also eine bestimmte Körperkerntemperatur erreicht ist. Dieser Schwellwert kann sich von Person zu Person unterscheiden und liegt bei Diabetikern durchschnittlich höher als bei gesunden Menschen.
Auch die Intensivität in welcher die Mechanismen angefeuert und gesteigert werden unterscheidet sich zwischen thermosensitiven und weniger thermosensitiven Menschen. Und außerdem gibt es ein Maximum. Ab einer bestimmten Grenze steigert der Körper die Hitze Antworten, also Schwitzen und Blutgefäßerweiterungen, nicht mehr. Steigt die Körpertemperatur dennoch weiter an, droht ein Hitzestau.
Studien haben gezeigt, dass bei Diabetikern, wie auch bei älteren Menschen diese Mechanismen eingeschränkter sind als bei gesunden, jüngeren Personen. Diabetiker tendieren also dazu, weniger thermosensitiv zu sein und die Antwort auf Hitzestress fällt dadurch gegebenenfalls geringer aus, fängt später an, und erreicht früher ihr Maximum.
Wie bei vielen physiologischen Prozessen kommt es hier aber auch stark darauf an, wie gut die Person eingestellt ist, wie fit sie ist, und ob es andere Komplikationen gibt. Es wird diskutiert, dass eine beginnende oder fortgeschrittene Schädigung der Nerven (diabetische Neuropathie) die Temperaturregulation verschlechtert. Auch eine schlechte Blutzuckereinstellung oder durcheinandergeratener Elektrolythaushalt steht bei Diabetikern im Verdacht, dazu beizutragen. Gesicherte Erkenntnisse über die Mechanismen der schlechteren Temperaturregulation bei Diabetikern gibt es jedoch nicht. Eine gute Zuckereinstellung und regelmäßiger Ausdauersport kann aber auch hier helfen, eine verminderte Hitzeantwort zu vermeiden.
Akute Auswirkungen von Hitze auf Blutzuckerwerte
Sowohl sportliche Betätigung als auch hohe Außentemperaturen haben eine Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel. Die Kontrolle des Zuckers ist bei hohen Temperaturen häufig erschwert werden und das hat verschiedene Gründe.
Einerseits sind dem Insulin gegenregulierende Hormone, wie Kortisol, Glukagon, Wachstumshormone und weitere, bei hohen Umgebungstemperaturen erhöht. Das würde eigentlich erhöhte Blutzucker Werte als logische Konsequenz haben.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall: In der Regel sinken die Blutzuckerwerte von Diabetikern bei erhöhten Temperaturen. Man hat sogar festgestellt, dass die HbA1c Werte, also das Maß für den Langzeit Blutzucker, von Diabetikern in den Sommermonaten geringer ausfielen als im Vergleich zu den Wintermonaten.
Woran liegt das?
Ein großer Faktor ist die Insulinabsorption – also die Aufnahme. Die subkutane Gabe von Insulin, also das Spritzen ins Unterhautfettgewebe, also direkt unter die Haut, ist ein Grund, warum die Wirkung des Insulins verzögert ist und man einen gewissen Spritz-Ess Abstand bei Diabetikern empfiehlt. Das Insulin muss erst einmal von diesem Fettgewebe ins Blut gelangen, erst hier kann es wirken.
Heiße Temperaturen beschleunigen die Insulinabsorption, was dazu führt, dass der Wirkpeak eher eintritt. Das erhöht das Risiko für Unterzuckerungen.
Auch die Wirkung vom Insulin im Körper könnte durch hohe Temperaturen beeinträchtigt sein, auch wenn diese Mechanismen noch nicht gut genug untersucht sind.

Insulinstabilität bei hohen Temperaturen
Mehrere physiologische Faktoren führen also dazu, dass bei Hitze mal wieder alles anders läuft. Ein weiterer Punkt der beim Diabetesmanagement bedacht werden sollte ist die Stabilität des Insulins. In Lösung zerfällt Insulin stetig. Dieser Prozess ist äußerst langsam und vernachlässigbar, wenn es richtig gelagert wird: Also bei niedrigen Temperaturen, am besten im Kühlschrank bei 4-8°C, und lichtgeschützt.
Bei normaler Raumtemperatur wird das Insulin nicht gleich schlecht. Bei sehr hohen Außentemperaturen ist es jedoch besonders wichtig darauf zu achten, dass das Insulin nicht übermäßig erhitzt wird, da dies den Zerfall deutlich beschleunigen kann. „Schlechtes“ Insulin würde in dem Fall zu zusätzlichen Komplikationen beim Diabetes Management führen.
Was tun bei großer Hitze als Diabetiker?
Im Grunde gelten für Diabetiker die gleichen Ratschläge wie für alle anderen auch:
- Viel trinken
- Innenräume kühl halten
- Große Mittagshitze vermeiden
- Keine übermäßig sportliche Betätigung bei hohen Außentemperaturen
Vor dem Hintergrund, dass die Temperaturregulation bei Diabetikern oft eingeschränkt ist, sind diese Maßnahmen nochmal besonders wichtig. Auch die Essgewohnheiten ändern sich häufig bei hohen Temperaturen, was natürlich Einfluss auf den Blutzucker hat.
Eine besonders umsichtige Insulingabe ist also ratsam – immer auch mit der Annahme, dass es bei hohen Temperaturen schneller wirkt und der Wirkpeak früher erreicht sein kann.
Außerdem sollte man das Insulin möglichst kühl und lichtgeschützt lagern, also nicht grade auf der Picknickdecke in der prallen Sonne vergessen. Auch weiterer Diabetes Zubehör, wie das Steuergerät der Pumpe, Messgeräte und Teststreifen sollten vor der Sonne geschützt werden, da sie sonst Schaden nehmen könnten.
Und zum Schluss, ganz wichtig: Wenn die größte Hitze nachlässt, spricht nichts dagegen, den Sommer mit den nötigen Vorsichtsmaßnahmen auch zu genießen. Kleine Herausforderungen gehören im Alltag schließlich das ganze Jahr über dazu. 😊
Quellen:
Kenny, Glen. P. et al., (2016) Body temperature regulation in diabetes, Temperature, 3:1, 119-145, DOI: 10.1080/23328940.2015.1131506
Westphal, Sydney A. et al., (2010) Managing Diabetes in the Heat: Potential Issues and Concerns, Endocrine Practice, 16, 506-511, DOI: 10.4158/EP09344.RA